Fr. 27.3.26, 19 Uhr Ausstellungseröffnung Werner Liebmann: Der Reigen, Galerie Kleindienst, Westside, Leipzig mit dem neuen Buch
Ein Buch mit mehr als 1000 Abbildungen, wozu ein Buch als Archiv?
Wer arbeitet in Zukunft mit einem Verzeichnis in gebundener Form?
Sind digitale Datenbanken besser?
Auf der Buchmesse, der It’s a Book, führte ich ein Gespräch an meinem Büchertisch, welches diese Frage aus der Perspektive der Arbeitszukunft beleuchtete: aus Sicht von KunsthistorikerInnen und Institutionen, die mit Inhalten am Desktop arbeiten.
Als Gestalterin freute ich mich über diesen Auftrag: die Fülle! Die Dichte.
Den Respekt einem Lebenswerk gegenüber: Geschichte, die ein Leben (be)schreibt.
Zeit ist ein Konstrukt, ein komplexes gesellschaftliches System, das Menschen die Möglichkeit der Ordnung gibt, ein davor und danach zu entwickeln, die eigene Vorstellung des Lebens in eine lineare Entwicklung zu geben. Die Zeit zu archivieren, nimmt uns aus dem Hier und jetzt, in ein bis dahin.
Wie spät ist es gerade?
Jetzt – es ist immer JETZT.
Je schneller sich die Bilder bewegen, umso filmischer wird es, Dramaturgie der eigenen Dramen. Blättere ich durch dein Buch, lieber Werner, ahne ich nur um die Sedimente.
Im Text von Paul Kaiser schreibt dieser vom „Der stille Don“, zwei der Bände fand ich in einer Bücherkiste, sie kreuzten meinen Weg im Universum.
„Als Werner Liebmann im Alter von 22 Jahren, beim bald darauf verworfenen Studium der Chemie das erste Mal in lebensverändernde Berührung mit der Kunst kam, trat bald schon die Liebe zum Unverstellten und Grotesken hinzu. Diese ist bis heute, nunmehr fast 50 Jahre später, ein treuer Begleiter an seiner Seite geblieben, wie etwa die unverhohlene Reverenz an solche Antihelden wie
Don Quichotte belegt (Der stille Don, 2017).“ (Text von Paul Kaiser, S.10)

„Der Tag kochte vor Hitze. Die vom Wind gezupften Wölkchen krochen träge über den Himmel und vermochten Pantelei Prokowjewitschs dahintrottende Ochsen nicht zu überholen.“ (Michael Scholochov: Der stille Don, S. 49)
„In der Nacht stieß Pantelei Prokowjewitschs Illinitschna in die Seite und flüsterte: „Schau mal vorsichtig nach … liegen sie beieinander oder nicht?“ „Ich hab für sie das Bett gerichtet.“
„Geh, schau mal nach!“
Illinitschna blickte durch den Türspalt und kam zurück: „Beineinander.“
„Na, Gott sei Dank! Gott sei Dank!“
Der Alte stützte sich auf den Ellbogen, bekreuzigte sich und schluchzte leise.“ (Michael Scholochov: Der stille Don, S. 426)
Im Gehirn entsteht beim Lesen eines Textes durch Spiegelneuronen eine eigene Realität, als würden wir es erleben.
Kann das ein digitales Werkverzeichnis? – Indem ich ein einzelnes Bild ansehe, ohne weiteren sensomotorischen Sinneseindruck durch Haptik und Gewicht und Geruch eines neuen frisch gedruckten Buches?
Wir kommen mit nichts, wir gehen mit nichts. Bücher (be)halten, archivieren, sie sind eine Essenz von Gewesenem. Wie mein Physiotherapeut sagte: die Lösung für ein Problem findest Du wahrscheinlich in einem Buch.
Also ab in den Buchhandel, vertreten durch Jessica Reitz https://vertreterei.de/.
Für mich sind Bücher eine Kreuzung aus Zeitachsen, im Raum, im Äther. Zeitgenössisch bedeutet für mich: Schulterschluss mit dem Moment. Loslassen, abgeben, einspeisen in den universellen Kreislauf. Ein Wimpernschlag im Universum. Sternenstaub.
Ich träumte im Gestaltungsprozess von einer leuchtend blauen Schrift auf dem Umschlag von Liebmann und dann realisierten wir es. Ein Sprung in den Ozean. Jenny Schreiter hat mit ihrer akribischen Genauigkeit den Kurs beibehalten. Karoline Mueller-Stahl hat mit Überblick durch den Sextanten auf der Überfahrt zum Ziel immer wieder den Kurs geprüft. PögeDruck in der Über-Setzung wunderbar den Druck eingerichtet. Ein tolles Team.

Und ja!! es müssen 1000 Abbildungen und mehr sein!
Dieses Buch ist ein DNA-Strang, eine Doppelhelix auf der die Informationen dicht an dicht liegen. Daraus kann Neues entstehen. Barrierefrei: ohne Gerät und Zugang, durch ein Buch. Das Medium Buch ist „anschlussfähig“ durch den Sinn, um mit Niklas Luhmans Worten aus der soziologischen Systemtheorie zu sprechen: Sinn als Medium: Anschlussfähigkeit wird durch „Sinn“ ermöglicht. Kommunikation verbindet Informationen, Mitteilungen und Verstehen. Ein Kommunikationsprozess, der keine Anschlussmöglichkeiten mehr bietet (keinen Sinn mehr ergibt), endet.
Publikationsprozesse sind Kommunikationsprozesse – wie Helmut Brade sagte: „Ich zeichne noch Buchstaben“ (Der gleichnamige Band mit seinen Texten ist bei uns 2017 erschienen), muss ich sagen: „Ich lese noch Bücher“ und damit denke ich. Und es ist ganz einfach für jeden: einfach machen!
Ich habe im Grundstudium Kommunikationsdesign an der Burg Halle (bei Helmut Brade) studiert: ich eröffne den Raum auf einer Doppelseite, den Spiegel für meine Neuronen, die sich (noch) im Kopf befinden. Das ist die bleibende Wertschöpfung eines gedruckten Buches.
So etwas zu realisieren ist anstrengend und teuer, es ist wichtig Förderer zu haben: Dank an die Kunststiftung Sachsen-Anhalt, Manon Bursian, Dank für den lebendigen Text von Paul Kaiser und danke für Euch – Werner – für dieses Schwergewicht deines malerischen Lebens und vor allem Rebekka Liebmann, du Goldstück.
Deine Wimmelbilder sollte man mit dem Fadenzähler erforschen, im Detail sitzt der sich amüsierende Geist, der alle Farben kräftig durchmischt und die Ebenen abzählt: 1,2,3,4,5,6,7,9,0 (s. Detail). Ich freue mich am Freitag deine Bilder in ihrer eigentlichen Größe zu betrachten: von Henry Miller (das Cover war eine Inspiration im Gestaltungsprozess) zu Dir Selbst (Selbst, 1977) – ein Katzensprung.
Bis dahin! Freitag 19.00, mit einem Buchrelaunch!








