Warum wir ohne Handschrift nicht mehr richtig denken
22.1. 2026 um 19 Uhr im Literaturhaus Halle
Bernburger Straße 8, 06108 Halle (Saale)

Miteinander sprechen Helmut Brade, Maria Magdalena Koehn (MMKoehn) und Gäste: Beim vierten Gespräch über die Handschrift geht es um die Neuroplastizität des Gehirns und Körperintelligenz, wie durch das Üben „vom Wechsel von Abstrich (Grundstrich) und Aufstrich (der Fortbewegung nach rechts)“ (Renate Tost) durch die Handschrift, die essenziell feinmotorisch wichtigen Grundlagen unseres autonomen Denkens gebildet werden, um in einen Schreib- und Denkflow zu kommen, was zur Formung der Persönlichkeit, des Denkens, der freien Meinungsäußerung, der Bildung wichtig ist, und damit dem Erhalt der Demokratie dient. Die Gedanken sind frei. Ich denke also bin ich.
Über die Hand, das Auge, die Netzhaut ins Gehirn hinein – und dann wieder schreibend lesend auf einen Punkt fokussiert hinausgeflossen, permanente Auge-Hand-Koordination, ein psychischer Raum für die Persönlichkeit entsteht. Je mehr Gehirnareale dabei beteiligt sind, desto länger und stärker bleibt der EinDRUCK, die Erinnerung: Magie!
Nein, es ist: BILDUNG: Handschrift ist ein demokratisches Werkzeug um autonomes Denken zu ermöglichen: Ich denke also bin ich, die Spaltung von Körper und Geist – die Geburt der Moderne – damit wäre ich wieder beim hilflosen Neugeboren, es stirbt, wenn es nicht berührt wird.
Essenzielle Berührung, geistig UND körperlich sind die elementare Antwort auf den Strukturwandel unserer Zeit.
Wir verlieren immer mehr taktile Reize, durch Touchoberflächen und Sprachnachrichten, der Umgang mit der Umwelt wird zwar permanent reizvoller aber wir dabei „spürärmer“. Das berühmte Experiment der „Drahtmutter vs. Stoffmutter“, von Harry Harlow, zeigt eindrucksvoll, wie essenziell Berührung für den Organismus ist. Um zu überleben: bekommst du deine Nahrung von einer Drahtmutter verkümmerst du und stirbst, ein Hoch auf Kuschelroboter und psychoaktive Smartegeräte, die diesen Mangel füllen sollen. Die Handschrift ist bereits Geschichte, damit verschwindet das schreibende Denken, das lesende Schreiben. Die Möglichkeit auf eine Messengernachricht zu warten, ersetzt das Gespräch, wird uns das Sprechen abhanden kommen?
Kann Kuscheln das Verschwinden der Handschrift ausgleichen? Sollte es als Unterrichtsfach wie die Handschrift auf den Stundenplan gesetzt werden? Es geht um die körperliche Intelligenz die so oft klüger ist, und der Klügere gibt oftmals nach… Was bedeute das für den daraus resultierenden Berührungshunger unsere Zeit?
Eine Frage an: Elisa Meyer, Gründerin Die Kuschel Kiste in Leipzig, Sie ist Kuscheltherapheutin, wurde 1986 in Luxemburg geboren, studierte Germanistik und Philosophie in Freiburg, anschließend promovierte sie in Wien zum Werk von Robert Musil und dem Thema „Leibliche Identität.“
Wie sieht das Christoph Mackert, der Leiter des Handschriftenzentrums der Universitätsbibliothek Leipzig? Seine Führungen eröffnen eine anderen Zugang zu der Wahrnehmung von Zeit. Zeit ist immer Qualität, eine Art von Körpermeditation, die man mit dem Flow-Zustand beim Schreiben erreichen kann: „Flow“ bezeichnet einen mentalen Zustand völliger Vertiefung, in dem eine Person hoch fokussiert, intrinsisch motiviert und gleichzeitig entspannt ist. Typisch dafür ist das Gefühl von Zeitlosigkeit bei geringer Selbstreflexion:
Ruhe im Kopf.
Den Verstand in der Hand!
Meine Wegbegleiter, wie z.B. Kate Crawford, die mit Vladan Jolers zusammen die beeindruckende Übersicht über technischen intellektuellen Fortschritt zusammengestelt hat: https://calculatingempires.net. „Calculating Empires. A Genealogy of Technology and Power Since 1500″ ich verstehe die Arbeit philosophisch im Sinne Günther Anders: gibt es die Atombombe, wird sie angewendet.
Helmut Brade sagte in unserem ersten Gespräch am 2022: „Ich bin richtiggehend schreibsüchtig.“ Weil es satt macht, weil es Aneignung ermöglicht, weil stetes Schreiben mit der Hand den Geist ernährt – verkümmert diese Berührung wird das Denken flach, wozu das bewahren, was überflüssig wird? Unnötige, ungenutzte Ressourcen, Deep-Thinking-Gehirnstrukturen, baut der Körper ab. Nichts neues, dieser Diskurs begleitet uns seit Jahren und ist überall angekommen.
„Trotz Routine bleibt Handschrift Ausdruck der Persönlichkeit.“ Eine nichtroutinierte Handschrift hat keinen individuellen Ausdruck, weil sie mehr oder weniger bewusst gesteuert ist.
„Das Wesen des routinierten Schreibens mit der Hand besteht in der Automatisierung einer komplexen geistig-motorischen Tätigkeit, bei der Denken, Sprache, Bewegung und Wahrnehmung zu einem fließenden Ganzen verschmelzen.“ (Renate Tost)
Handschrift und Persönlichkeit: das Schriftbild als „geronnene Bewegung“ (Heinrich Pfanne: Lehrbuch der Graphologie; Schriftprobenheft; Psychodiagnostik auf Grund Graphischer Komplexe)
Ich möchte dazu mit Elisa Meyer sprechen, Gründerin „Die Kuschel Kiste“ in Leipzig. Sie ist Kuscheltherapeutin, studierte Germanistik und Philosophie in Freiburg, anschließend promovierte sie in Wien zum Werk von Robert Musil und dem Thema „Leibliche Identität.“
Und mit Christoph Mackert, dem Leiter des Handschriftenzentrums der Universitätsbibliothek Leipzig. Seine Führungen eröffnen in den „Humidoren“ der Handschrift eine anderen Zugang zu der Wahrnehmung von Zeit. Zeit ist immer Qualität, ich muss da an eine Körpermeditation denken, die man mit dem Flow-Zustand beim Schreiben auch erreichen kann: als „Flow“ bezeichnet einen mentalen Zustand völliger Vertiefung, in dem eine Person hoch fokussiert, intrinsisch motiviert und gleichzeitig entspannt ist. Typisch dafür ist das Gefühl von Zeitlosigkeit, geringe Selbstreflexion: Ruhe im Kopf, Verstand in der Hand.

















– Quipu – die Knotenschrift der Inkas sowie der Füllfederhalter in der Arbeit von Kate Crawford: Werkzeuge.
1850 gab es noch reichlich analoge, haptische, taktile Reize, der Logos konnte sich mit dem Körper immer wieder verbinden und sich so in Resonanz aufschwingen. Jetzt sind die Menschen in einer Sackgasse aus elementaren körperlichen Impulsen und Bedürfnissen, bei immer weniger Möglichkeiten sie zu nutzen, gleichzeitige Überstimulierung durch Dopaminausschüttung, die keine psychischen Raum mehr ermöglicht, wie z.B. wenn wir ein Buch lesen und unser Verstand etwas aufbauen kann. Muss absichtsfreies Kuscheln zusätzlich zur Handschrift in der Grundschule als Pflichtfach eingeführt werden?





Dr. Elisa Meyer
ist Kuscheltherapeutin in Leipzig: Die Kuschel Kiste, https://cuddlers.net/de/blog/tagebuch/
Dr. Christoph Mackert
Leiter des Handschriftenzentrums der Universitätsbibliothek Leipzig. Das Handschriftenzentrum der UBL betreut die Bundesländer Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen. Zusätzliche Schwerpunkte sind Projekte zu deutschsprachigen Handschriften und die Aufarbeitung der vielfach kaum bekannten Klein- und Kleinstsammlungen mittelalterlicher Handschriften. Seit 2019 ist das Leipziger Handschriftenzentrum am Aufbau des deutschen Handschriftenportals beteiligt.
https://www.ub.uni-leipzig.de/forschungsbibliothek/handschriftenzentrum
Maria Magdalena Koehn MMKoehn
ist Grafik-Designerin, Typografin, Buchgestalterin, Illustratorin, Verlegerin, Kuratorin im eigenen Verlag. Dozentin zum Thema „Handschrift und Persönlichkeit“.
www.mmkoehnverlag.de
Prof. Helmut Brade
ist Bühnenbildner, Plakatgestalter und Grafik-Designer, er lebt in Halle/Saale, er war Professor von MMKoehn an der Burg Giebichenstein, Halle/Saale und unterstützt den Verlag seit der Gründung 2013. Er ist Mitglied in der AGI