17.4.26 Austellungseröffnung und Buchvorstellung
Bettine Rinne: ARTIFIZIALIA – Grafik und Malerei
Nach Anmeldung in der Kanzlei RA Stefan Wackwitz
Kohlenstraße 2, 04107 Leipzig
Spur
spüren
rinnen
Rinne,
Bettina
Im Seminar von Christoph Türcke in meinem Studium habe ich das Bild bekomen: das Asche die Spur des Feuers ist, der Verweis auf eine Vergangenheit. Ein Ereignis, ein Ritual, eine Bannung des Schreckens, des Opfers. In der Spur steckt das Spüren, eine emotionale Verbindung, die wie eine Autobahn den Zugang von außen nach Innen herstellt.
Eine Suche ins Innere?
Ferenc Jádi, verweist in Von der Zeichnung: Traktate über Tat und Weigerung. Inst. f. Buchkunst Leipzig, Allaphbed 5, auf Imre Hermann: „…verkörpert der Geruch neben der Orientierung nach Wärme die urälteste Spur der Suche und die Leitspur der Projektion. An den Wegmarken der eigenen Spur entlang gehend kommt jeder selbstidentisch auf seinen eigenen Weg, wie die Fahnenträger geht er benommen voran und ist folgerichtig. Die Spur ist nur bei Verlust als Seinsverlust erlebbar und mit ihr fließ die Person in ihrer Umgebung über, unbewusst denkend. […] Sie sondert ab als überflüssig aus der Flut der Fülle ihrer Anwesenheit und bildet die Atmosphäre. Tempetas meint die atmosphärische Mischung des inneren Andrangs, mit dem die Person ihre Umgebung stürmt oder den Drang verdrängend sich entzieht.
Der territoriale Zug, (…) kommt von Weitem her, aus dem Wunsch nach Sicherung des Ortes, aus der Fähigkeit des Aufnehmens der Witterung, umgewandelt in den Reizschutzmantel der eigenen Atmosphäre. Daher sichert das subtile Legen der Spur ein Zeichen der Gewissheit, es gebe uns noch.“
Der quecksilbrige Formenwandler“ Kühler Fremdling“ ist mein liebstes Bild von Bettina. Für mich ist das ein lyrisches Gegenüber, das die Fähigkeit besitzt, in alle Formen zu kriechen.

Landschaft, Reisen, Spuren aufnehmen, nachspüren – viele Bilder scheinen draußen zu sein. Und die Spur die für die Jagd unserer Ahnen essenziell war, wird ein Bild zum Gefühl, zur Warnehmung.
Ist das richtig, was ich sehe?
Bei Spur denke ich auch an die Arbeiten von Sissel Tolaas, die niederländische Künstlerin, Duftforscherin – fachübergreifend zwischen Wissenschaft und Kunst – Wandfarbe mit Angstschweiß von Männern, Waschbecken aus deren Wasserhähnen Ozeanwasser des Oslofjord fließt, auf einem Stück Seife steht der Name Sissel Tolaas. Wäscht man sich die Hände, riecht man ihren Körperduft auf seiner Haut – verstörend Intimität. Wenn die Spur zu nahe kommt.
Ich habe mit Bettina Rinne in der DZA Altenburg bei der Druckabnahme über Kunst und Wissenschaft gesprochen, wozu Nicola E. Petek im Text in unserem Buch schreibt: „Der Moment des Sehens wird dabei selbst zum Teil des Werks – eine Haltung, die die Betrachtenden als denkende und fühlende Wesen ernst nimmt. Bettina Rinnes Kunst appelliert an das dialogische Prinzip: Das Bild spricht nicht für sich allein – es will angeschaut, erfahren, gespiegelt werden.“
Und da spiegelt sich für mich mein Gesicht im „Kühlen Fremdling“ wieder.
Die Gemeinsamkeit von Wissenschaft und Kunst ist der „Spürsinn“ ein Beleg oder kriminalistischer Beweis und die Leerstelle, die mit Fiktion beschrieben werden kann. Die Fähigkeit des „Spürens“ lässt in beiden Bereichen aus kleinsten Anzeichen auf ein großes Ganzes schließen. Auf der Spur mit Rinne, wenn die Zeit verrinnt – In der Prozesskunst (1960er Jahre Minimal Art und Performance Kunst) wird das Rinnen von Materialien (wie Wachs oder Blei) genutzt, um den Moment des Fließens und Erstarrens als zeitliche Spur festzuhalten.
Die Spur sichert uns: wie oben bei Jadi: „Daher sichert das subtile Legen der Spur ein Zeichen der Gewissheit, es gebe uns noch.“ Brotkrumen im Wald, sie führen zurück zur Quelle, Verschwundenes soll sichtbar gemacht werden. Also gehen wir los… am 17.4. in der Kanzlei RA Stefan Wackwitz, Leipzig nach Anmeldung zu sehen: „Eis das Wasser / Eine Brise weht herauf / Um zu sehen, was da ist“ Bettina Rinnes Bildtitel sind wie rinnende Worte – ich verspüre Neugier. Bettina Rinne: „In meinen Bildern thematisiere ich die Spannung zwischen Ordnung und Wildheit.
Wie bei einem Tanz auf Messers Schneide kann das jederzeit in die eine oder andere Richtung
kippen. Dadurch ändert sich das Gefühl für Zeit und Raum, für unterschiedliche Formen von Vergänglichkeit. Zeit verdichtet sich.“
Wir präsentieren am Freitag auch das neu Buch.


Um zu sehen, was da ist, 2022

Bettina Rinne: Spur
Text: Nicola E. Petek, Simon Thon
Gestaltung: Maria Magdalena Koehn
Abstrakte Landschaften, die eine Geschichte erzählen
Bettina Rinne lebt und arbeitet künstlerisch seit 2019 in Dortmund.
Weitere Bücher im Verlag zum Thema „plain-air“, Yvette Kießling: Op Tiet, erschienen Sommer 2025